Unser
Jahresthema:
Angst und Mut
Gottesdienst zum Schuljahresbeginn
Angst und Mut
Gottesdienst zum Schuljahresbeginn

Predigt im
Schuljahrsanfangsgottesdienst für das Kollegium der Wichern-Schule
am 26. August 2009 in der Wichern-Kirche
Lasst uns zum Ferien-Ende noch mal eine kleine Reise tun.
Also ab ins Flugzeug: 2500 Km nach Süden, 2500 nach Osten, 2500 Jahre zurück.
Schon sind wir in Babylon. Sehen zwei Flüsse, Euphrat und Tigris, das Zweistromland, Wiege einer Hochkultur, Ausgangspunkt für aggressive Eroberungspolitik. Wenn wir näher kommen sehen wir nicht nur geschäftiges Treiben, prächtige Bauten und Wohlstand. Wir sehen Menschen, die an den Flüssen sitzen und weinen. Das sind die, die nicht freiwillig hier sind. Die verschleppt wurden. Die Gebildeten und Fähigen aus dem Nachbarland Israel. Sie sind beraubt, entrechtet, gedemütigt von der Supermacht. Ihren Tempel hat man zerstört, Jerusalem erobert. Trostlose Gegenwart, diese babylonische Gefangenschaft mit Null Perspektive auf Rettung und Erlösung.
In dieser Situation kommt ein Prophet daher, vielleicht waren es auch mehrere. So genau weiß das niemand. Sie sehen die Angst, die Not, das Elend und sagen Sätze wie:
„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
Das zu sagen ist mutig und frech angesichts der Verhältnisse. Es ist der Versuch, Hoffnung und Mut zu verbreiten, angesichts von Trostlosigkeit und Angst. Die Worte wirken. Die Exilierten geben sich nicht auf, sie hoffen auf eine Wende. Sie werden heimkehren. Sie werden gerettet.
Kein Wunder, dass diese Mut-Worte Karriere gemacht haben. Fürchte dich nicht! – Dieser Satz zieht sich wie ein Mantra durch die ganze Bibel. 150 Mal steht er da. Immer, wenn Menschen in Not sind, wenn sie nicht weiter wissen, sagt Gott oder ein Bote Gottes, also ein Engel: Fürchte dich nicht! Dieser Satz ist ein Urgestein unserer Tradition. Ein Fels gegen Angst und Mutlosigkeit.
Wir verlassen den Nahen Osten, kehren zurück in die Wichern-Kirche und stellen fest, dass wir – Gott sei Dank - im 64. Friedensjahr im reichen Europa, ohne Bürgerkrieg, politische Verfolgung und existentielle Nöte leben.
Trotzdem fiel die Wahl des Jahresthemenkreises rasant schnell auf das Fürchte-dich-nicht- Wort.
Haben wir denn Grund, uns zu fürchten? Haben unsere Schülerinnen und Schüler Grund dazu?
Ja.
Und dazu könnte man jetzt fünf abendfüllende kluge Vorträge halten. Ich will es in drei Minuten versuchen:
Ja,
Alle Menschen haben Angst.
Manche haben Angst vor dem Fliegen, andere vor Hunden.
Manche vor Klassenarbeiten, andere davor, sie nicht rechtzeitig vor Notenschluss korrigiert zu haben.
Viele haben Angst zu versagen und den Ansprüchen ihrer Umwelt nicht zu genügen.
Viele haben Angst, nicht gut genug auszusehen, nicht beliebt zu sein, übersehen zu werden.
Manche Ängste sind sehr konkret und lassen sich klar benennen.
Manche - das sind die meisten - sind diffus:
Denn die moderne Gesellschaft ist unglaublich schnell und komplex und viele haben nicht die Kompetenz, in ihr einen sicheren Ort zu ergattern. Das macht Angst.
Die großen Entwicklungen entziehen sich dem Einfluss der Einzelnen: Klima, Energie, Atom, Hunger, Welthandel, Finanz- und Wirtschaftskrisen lassen viele ein unbeherrschbares Chaos befürchten. Das Gefühl der Sinnlosigkeit, die häufig als Depression daherkommt, ist ein Produkt dieser ängstlichen Ohnmacht.
Und da ist die ewige Angst, nicht genug abzubekommen. Den mangelnden Selbstwert durch Warenwerte zu ersetzen. Wer viel Angst hat, besitzt oft viel.
Aber es gibt noch eine Angst, vor der sich auch der stabilste Charakter nicht schützen kann. Es ist die Angst vor der eigenen Nicht-Existenz. Es wäre zu einfach zu sagen: Es ist die Angst vor dem Tod. Der Tod ist oft Erlösung und Befreiung. Die Angst kommt lange vor dem Tod. Es ist die Erkenntnis, dass du endlich bist. Das ist eine nicht fassbare Zumutung für die eigene Identität, eine gewaltige unbeherrschare Angst –
Wenn man sie denn zulässt und nicht ersäuft, mit Drogen bekämpft oder sich permanent ablenkt. Die Unterhaltungs- Wellness- und Spielindustrie hat dafür ja ein großes Angebot entwickelt. Fun statt Angst.
Aber die Angst ist da. Motor für innere Entwicklungen einerseits, und wenn verdrängt und nicht beachtet lähmend und einschränkend andrerseits.
Mitten da hinein kommt dieses Wort aus einer fernen, vergangenen Welt:
Fürchte dich nicht!
Eine Erinnerung daran, dass es da noch etwas gab, was über unseren eigenen kleinen Horizont heilend und tröstend hinausgeht.
Fürchte dich nicht vor deiner Angst, denn du bist nicht allein mit ihr.
Fürchte dich nicht vor deinen ganzen Halbheiten und Unvollkommenheiten, denn Gott ist der, der dich vollendet, das musst du nicht selber tun.
Fürchte dich nicht vor deinen Fehlern und Schwächen, Gott nimmt dich genauso wie du bist.
Fürchte dich nicht! Ich bin mit dir.
Das ist der befreiende und Mut machende Strom unserer Tradition. An ihn will das Jahresthema erinnern. Wir müssen uns nicht ständig selbst tragen. Wir können uns tragen lassen. Nichts muss uns beunruhigen. So können wir leichter, freier und dem Himmel ein wenig näher sein. Möge uns dieser Gedanke uns durchs neue Schuljahr tragen. Amen
Lasst uns zum Ferien-Ende noch mal eine kleine Reise tun.
Also ab ins Flugzeug: 2500 Km nach Süden, 2500 nach Osten, 2500 Jahre zurück.
Schon sind wir in Babylon. Sehen zwei Flüsse, Euphrat und Tigris, das Zweistromland, Wiege einer Hochkultur, Ausgangspunkt für aggressive Eroberungspolitik. Wenn wir näher kommen sehen wir nicht nur geschäftiges Treiben, prächtige Bauten und Wohlstand. Wir sehen Menschen, die an den Flüssen sitzen und weinen. Das sind die, die nicht freiwillig hier sind. Die verschleppt wurden. Die Gebildeten und Fähigen aus dem Nachbarland Israel. Sie sind beraubt, entrechtet, gedemütigt von der Supermacht. Ihren Tempel hat man zerstört, Jerusalem erobert. Trostlose Gegenwart, diese babylonische Gefangenschaft mit Null Perspektive auf Rettung und Erlösung.
In dieser Situation kommt ein Prophet daher, vielleicht waren es auch mehrere. So genau weiß das niemand. Sie sehen die Angst, die Not, das Elend und sagen Sätze wie:
„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“
Das zu sagen ist mutig und frech angesichts der Verhältnisse. Es ist der Versuch, Hoffnung und Mut zu verbreiten, angesichts von Trostlosigkeit und Angst. Die Worte wirken. Die Exilierten geben sich nicht auf, sie hoffen auf eine Wende. Sie werden heimkehren. Sie werden gerettet.
Kein Wunder, dass diese Mut-Worte Karriere gemacht haben. Fürchte dich nicht! – Dieser Satz zieht sich wie ein Mantra durch die ganze Bibel. 150 Mal steht er da. Immer, wenn Menschen in Not sind, wenn sie nicht weiter wissen, sagt Gott oder ein Bote Gottes, also ein Engel: Fürchte dich nicht! Dieser Satz ist ein Urgestein unserer Tradition. Ein Fels gegen Angst und Mutlosigkeit.
Wir verlassen den Nahen Osten, kehren zurück in die Wichern-Kirche und stellen fest, dass wir – Gott sei Dank - im 64. Friedensjahr im reichen Europa, ohne Bürgerkrieg, politische Verfolgung und existentielle Nöte leben.
Trotzdem fiel die Wahl des Jahresthemenkreises rasant schnell auf das Fürchte-dich-nicht- Wort.
Haben wir denn Grund, uns zu fürchten? Haben unsere Schülerinnen und Schüler Grund dazu?
Ja.
Und dazu könnte man jetzt fünf abendfüllende kluge Vorträge halten. Ich will es in drei Minuten versuchen:
Ja,
Alle Menschen haben Angst.
Manche haben Angst vor dem Fliegen, andere vor Hunden.
Manche vor Klassenarbeiten, andere davor, sie nicht rechtzeitig vor Notenschluss korrigiert zu haben.
Viele haben Angst zu versagen und den Ansprüchen ihrer Umwelt nicht zu genügen.
Viele haben Angst, nicht gut genug auszusehen, nicht beliebt zu sein, übersehen zu werden.
Manche Ängste sind sehr konkret und lassen sich klar benennen.
Manche - das sind die meisten - sind diffus:
Denn die moderne Gesellschaft ist unglaublich schnell und komplex und viele haben nicht die Kompetenz, in ihr einen sicheren Ort zu ergattern. Das macht Angst.
Die großen Entwicklungen entziehen sich dem Einfluss der Einzelnen: Klima, Energie, Atom, Hunger, Welthandel, Finanz- und Wirtschaftskrisen lassen viele ein unbeherrschbares Chaos befürchten. Das Gefühl der Sinnlosigkeit, die häufig als Depression daherkommt, ist ein Produkt dieser ängstlichen Ohnmacht.
Und da ist die ewige Angst, nicht genug abzubekommen. Den mangelnden Selbstwert durch Warenwerte zu ersetzen. Wer viel Angst hat, besitzt oft viel.
Aber es gibt noch eine Angst, vor der sich auch der stabilste Charakter nicht schützen kann. Es ist die Angst vor der eigenen Nicht-Existenz. Es wäre zu einfach zu sagen: Es ist die Angst vor dem Tod. Der Tod ist oft Erlösung und Befreiung. Die Angst kommt lange vor dem Tod. Es ist die Erkenntnis, dass du endlich bist. Das ist eine nicht fassbare Zumutung für die eigene Identität, eine gewaltige unbeherrschare Angst –
Wenn man sie denn zulässt und nicht ersäuft, mit Drogen bekämpft oder sich permanent ablenkt. Die Unterhaltungs- Wellness- und Spielindustrie hat dafür ja ein großes Angebot entwickelt. Fun statt Angst.
Aber die Angst ist da. Motor für innere Entwicklungen einerseits, und wenn verdrängt und nicht beachtet lähmend und einschränkend andrerseits.
Mitten da hinein kommt dieses Wort aus einer fernen, vergangenen Welt:
Fürchte dich nicht!
Eine Erinnerung daran, dass es da noch etwas gab, was über unseren eigenen kleinen Horizont heilend und tröstend hinausgeht.
Fürchte dich nicht vor deiner Angst, denn du bist nicht allein mit ihr.
Fürchte dich nicht vor deinen ganzen Halbheiten und Unvollkommenheiten, denn Gott ist der, der dich vollendet, das musst du nicht selber tun.
Fürchte dich nicht vor deinen Fehlern und Schwächen, Gott nimmt dich genauso wie du bist.
Fürchte dich nicht! Ich bin mit dir.
Das ist der befreiende und Mut machende Strom unserer Tradition. An ihn will das Jahresthema erinnern. Wir müssen uns nicht ständig selbst tragen. Wir können uns tragen lassen. Nichts muss uns beunruhigen. So können wir leichter, freier und dem Himmel ein wenig näher sein. Möge uns dieser Gedanke uns durchs neue Schuljahr tragen. Amen
