Evangelische, staatlich anerkannte Privatschule des Rauhen Hauses.

Rigoletto Weiß im Gespräch mit Hannes Heer

„Die Nazizeit als negatives Eigentum“

Unter diesem Wort von Jean Amery stand das „Gedenken zu Beginn“, mit dem traditionell der Kirchentag beginnt – in diesem Jahr unter Beteiligung von Schülerinnen und Schülern unserer Religionsprofile. Für dieses „Gedenken“ hatten sich bei warmem Frühsommerwetter am 1. Mai ein paar hundert Leute auf dem Lohseplatz in der Hafencity, dem Gelände des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofes versammelt. Von diesem Bahnhof aus gingen in der Nazizeit die Hamburger Deportationszüge in den „Osten“, in die Ghettos und Vernichtungslager in Polen. Zu sehen ist von dem Bahnhof nichts mehr: die Natur, Industrieanlagen und seit einigen Jahren die sich ausbreitende moderne Hafencity haben von dem Ort Besitz ergriffen – keine Gleise, keine Halle erinnern mehr an die schreckliche Vergangenheit. Es wird auch bald keine Menschen mehr geben, die sich erinnern und als Zeitzeugen zur Verfügung stehen.

Umso wichtiger ist es, die Erinnerungsarbeit in geeigneter Form an die nächste Generation weiterzugeben. Im Mittelpunkt des von unseren Schülerinnen und Schülern mit erarbeiteten Teiles der Veranstaltung stand die Deportation der Sinti und Roma von diesem Bahnhof aus, ein Thema, das in der hamburgischen Erinnerungskultur noch keinen angemessenen Platz gefunden hat.  Rigoletto, Robert und Lino Weiß, die hier drei verschiedene Generationen der Wilhelmsburger Sinti-Familie Weiß vertraten, wurden von dem Historiker Hannes Heer interviewt und berichteten Bewegendes aus ihrem Leben. Besonders erschüttert waren die Zuhörer über die auch nach dem Krieg nahezu ungebremst fortgesetzte Diskriminierung der Sinti, die diese Männer erlebt hatten. Unsere Schülerinnen und Schüler hatten darüber hinaus Namen, Geburts – und Todesdaten von ca. 85 Hamburger Sinti recherchiert, die vom Hannoverschen Bahnhof aus in den Tod geschickt worden waren. Ihre Namen waren unter der Überschrift „Sinti und Roma – deportiert und ermordet. Ich bewahre die Erinnerung an ... “ auf Karten gedruckt worden und wurden von uns am Ende der Veranstaltung an die Besucher verteilt. Vielleicht konnte auch diese kleine Veranstaltung dazu beitragen, die Sinti und ihr Schicksal etwas hörbarer und sichtbarer zu machen. Robert Weiß, der 1. Vorsitzende des Landesvereins der Sinti in Hamburg e.V. schrieb jedenfalls nach dem Kirchentag: „Wir haben uns sehr gefreut, Menschen zu begegnen, die uns und unseren Anliegen Offenheit entgegenbringen und uns ihrer Solidarität auf dem langen Weg der Sinti und Roma auf dem Weg zur Gleichberechtigung versichert haben.“ (Regina Richter)

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